- Forschung
Meldung vom: | Verfasser/in: Sebastian Hollstein
Auch rund 200 Jahre nach seinem Tod sorgt der Forscherdrang Johann Wolfgang von Goethes für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Das jedenfalls bewiesen nun Biologen der Friedrich-Schiller-Universit?t Jena, w?hrend sie die Bernstein-Sammlung des Weimarer Dichterfürsten genauer untersuchten. In einem der Stücke entdeckten sie das rund 40 Millionen Jahre alte Fossil einer Ameise, das dank seines guten Erhaltungszustands sowie umfangreicher Untersuchungen wertvolle Informationen über die Insektenart liefert. ?ber ihre Forschungsergebnisse berichten die Jenaer Wissenschaftler gemeinsam mit Experten von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Klassik Stiftung Weimar im Fachjournal ?Scientific Reports?.
Goethes Bernstein-Sammlung, die die Klassik Stiftung Weimar im Goethe-Nationalmuseum aufbewahrt, umfasst insgesamt 40 Stücke, die aus dem Ostseeraum stammen. In zwei von ihnen entdeckten die Jenaer Wissenschaftler insgesamt drei fossile Einschlüsse von Tieren. Vermutlich wusste der Dichter selbst nichts über den Millionen Jahre alten Inhalt der biologischen Zeitkapseln, denn für das ungeübte Auge sind die Tiere in den ungeschliffenen Steinen kaum zu erkennen. Um sie zweifelsfrei zu identifizieren, griff das Jenaer Team deshalb auf moderne Bildgebungsverfahren zurück. Sie durchleuchteten die vielversprechenden Bernstein-Stücke am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg mittels Synchrotron-Mikro-Computertomographie und erhielten so dreidimensionale Bilder einer Trauermücke, einer Kriebelmücke und einer Ameise.
Blick ins Innere der Ameise
Letztere stie? auf besonders gro?es Interesse der Jenaer Forscher. ?Die Ameise geh?rt zur ausgestorbenen Art ?Ctenobethylus goepperti (Mayr, 1868), die in Bernstein sehr h?ufig vorkommt?, erkl?rt Bernhard Bock vom Phyletischen Museum der Universit?t Jena. ?Dank ihres guten Erhaltungszustands und der umfangreichen Untersuchungen konnten wir sie allerdings so detailliert beschreiben wie noch nie zuvor und neue Informationen über die Art und ihre Verwandtschaft gewinnen.? Neben feinen H?rchen am K?rper der Arbeiter-Ameise konnten sie sogar erstmals in ihr Inneres blicken und endoskelettale Strukturen im Kopf- und Brustbereich sichtbar machen, die mehr über die Morphologie der Ameise verraten.
?Wir haben das Exemplar komplett aufgearbeitet und dank der neu gewonnenen Informationen eine 3D-Rekonstruktion geschaffen, die online abrufbar ist?, sagt Daniel Tr?ger von der Universit?t Jena. ?Dieses Modell hilft Kolleginnen und Kollegen weltweit dabei, weitere Fossilien dieser Art zu identifizieren und zu vergleichen.?
Aus der ?hnlichkeit mit der heute etwa in Nordamerika oder in w?rmeren Regionen Europas lebenden Ameisengattung Liometopum lassen sich Rückschlüsse auf die Lebensweise der ausgestorbenen Ameisen ziehen. Die Ameise aus Goethes Bernstein baute vermutlich gro?e Nester in B?umen, was auch erkl?ren würde, warum sie so h?ufig in Bernstein zu finden sind.
Goethe und Bernstein
Johann Wolfgang von Goethe selbst interessierte sich zeitlebens wenig – und nur aufgrund m?glicher optischer Eigenschaften – für Bernstein. So schliff er sich beispielsweise Linsen aus dem versteinerten Baumharz, um für seine Farbenlehre bestimmte Farbspektren beobachten zu k?nnen. Die systematische Erforschung des Materials und der damit verbundenen Fossilien begann zwar Mitte des 18. Jahrhunderts und erste Fachpublikationen finden sich auch in seiner Bibliothek, doch die Tragweite für seine Interessengebiete waren noch nicht abzusehen.
?Goethe gilt als Begründer der Morphologie und w?re vermutlich begeistert davon gewesen, wie wir mit ganz neuen Methoden wertvolle Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen konnten?, sagt Bernhard Bock. ?Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse den Wert solch alter Sammlungen. Es ist schon faszinierend, dass ein Stück, das aus seiner Hand und Zeit stammt, in der diese Wissenschaft ihren Anfang nahm, uns heute noch so bereichern kann.?
3D-Rekonstruktion der Ameise und das Fossil im Original-Bernstein dahinter.
Abbildung: Bernhard Bock/Daniel Tr?gerOriginal-Publikation:
Boudinot, B.E., Bock, B.L., Tr?ger, D. et al. Discovery of Goethe’s amber ant: its phylogenetic and evolutionary implications. Sci Rep (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-36004-4Externer Link
Das 3D-Modell ist online abrufbar unter:?https://sketchfab.com/entomology_uni_jena/collections/goethe-amber-42b5252b3c5b478ca0afd3577ae6420aExterner Link